J.M.Sperger

Sperger, Johannes Matthias, geboren am 23.März 1750 in Feldsberg, Niederösterreich (heut: Valtice, Tschechische Republik); gestorben 13.Mai 1812 in Ludwigslust, Mecklenburg-Schwerin. Die Lebensdaten sind den Matrikelverzeichnissen in den katholischen Pfarrämtern entnommen. Diese Eintragungen enthalten nur den Vornamen Johannes; Sperger selbst aber schrieb oft den zweiten Vornamen Matthias, so u.a. auf dem Autograph seines „Wegweiser auf die Orgel“ von 1766. Seine Kompositionen, die ab 1777 erhalten geblieben sind, signiert er immer mit der italienisierten Form Giovanni. Der Vater Stephan Sperger war als Bediensteter (Angestellter) der Stadt in der Landwirtschaft tätig. Sperger’s musikalische Entwicklung stand sicher unter dem günstigen Einfluß des den Künsten aufgeschlossenen Hauses Liechtenstein, das hier im Schloß Feldsberg seinen Stammsitz hatte, weiterhin der klösterlichen Musikpflege (kleines Orchester) und der Singschule. Seine ersten musiktheoretischen Unterweisungen muß er hier in seiner Heimatstadt erhalten haben, wie u.a. zwei Manuskripte belegen: der oben genannte „Wegweiser“, der Auszüge aus G.Carissimis „Ars cantandi“ enthält und sein „Gradus ad Parnassum oder Anführung zur Regelmesigen Composition“, was eine gekürzte Umarbeitung J.J.Fux’s „Grad.ad Parn.“ Darstellt.

Vermutlich 1767 ging Sperger nach Wien, wo er Theorie-Unterricht bei Johann Georg Albrechtsberger (Korrektur-Einträge aus seiner Hand in Spergers Manuskripten) und Instrumental-Unterricht wahrscheinlich ab 1769 bei Friedrich Pischelberger nahm. Die F.Pischelberger (auch Pichelberger) dedizierten Kontrabass-werke von Dittersdorf und Pichl, die zwischen 1765-69 entstanden sind, finden sich in Sperger’s Nachlaß und beeinflussen spieltechnisch und stilistisch seine Kontrabass-Kompositionen.
1777 erhält Sperger eine Anstellung als Kontrabassist in der Kapelle des Erzbischofs, späteren Kardinals von Ungarn, Joseph Graf von Batthyany in Preßburg (von 1526-1784 Haupt- und Krönungsstadt Ungarns; heut: Bratislava, Hauptstadt der Slowakischen Republik).Die relativ hohe Jahresbesoldung von 600 Florin (andere Musiker 180-400 fl.) läßt den Wert Sperger’s für die Kapelle erkennen. Sicher schließt das auch seine kompositorische Wirksamkeit mit ein. Die folgenden 6 Jahre bis zur Auflösung dieser Kapelle 1783 sollen für Sperger im künstlerischen die prägendsten und im kompositorischen Schaffen die ergiebigsten werden.

Die förderliche, betont weltliche Musikpraxis des Kardinals Batthyany, das Zusammenwirken hervorragender Musiker (Kapellmeister A.Zimmermann, Violoncellist F.X.Hammer, I. und A. Boeck – Horn, Kb.-Virtuose J.Kämpfer u.a.) gaben Sperger beste Voraussetzungen für eine kreative Schaffensperiode. Allein an Solokonzerten entstanden hier neben 7 Kb.-Konzerten noch 6 weitere für verschiedene Instrumente, 18 Sinfonien, viel Kammermusik. Die Solo-Konzerte setzen hohes technisches Können der Musiker voraus.

1778 ersucht Sperger um Mitgliedschaft in der Wiener Tonkünstler-Societät; vermutlich fällt in diese Zeit seine Heirat mit der in Linz geborenen Anna Tarony, der er im Falle seines Todes finanzielle Sicherheit geben will. In einer Akademie der Gesellschaft am 20.12.1778 erklingt eine Sinfonie von ihm und er selbst spielt sein vermutlich 3. Kb.-Konzert. Mitglied der Gesellschaft wird er am 15.2.1779 und bleibt es bis zu seinem Tode. Danach erhält die Witwe Spergers eine Jahresrente bis zu ihrem Tode 1827.
Sofort nach Auflösung der Batthyanischen Kapelle 1783 erhält Sperger eine Anstellung in der Hofkapelle des Grafen Ludwig von Erdödy in Kohfidisch bei Eberau (damals West-Ungarn, heute im Burgenland/Österreich). Hier gehört er, wie auch I.Pleyel der Loge „Zum Goldenen Hirschen“ an. Kompositorisch nicht so fruchtbar wie in Preßburg endet diese zeit für Sperger bereits nach 3 Jahren 1786 mit Auflösung auch dieser Kapelle. Sperger’s Anstellung unmittelbar nach seiner Tätigkeit 177-83 in Preßburg von 1783-86 beim Grafen von Erdödy und sein Wohnsitz ab 1786 in Wien lassen keinen Freiraum für eine Mitgliedschaft in haydns Kapelle in Eisenstadt und Esterhazy, wie bisweilen vermutet wurde.

Protkollakten der Wiener Tonkünstlergesellschaft vom 9.11.1786 belegen, daß Sperger um diese Zeit in Wien ansässig wurde. Eine feste Anstellung in einem Orchester ergab sich nicht; den zahlreichen Kopien von Werken Wiener Komponisten von Sperger’s Hand, die an seinem späteren Wirkungsort Schwerin noch heute aufbewahrt werden und Merkmale der Wiener Kopistenbetriebe aufweisen, läßt sich eine solche vorübergehende Tätigkeit als Kopist zum Zwecke des Lebensunterhaltes u.U. (eventuell ) vermuten.

Um Anstellung bemüht, unternimmt Sperger eine längere Reise: 8.12.1787 Brünn, 17.12.87 Prag, anschließend in Dresden. Über Konzerttätigkeiten liegen nur Vermutungen vor, aber laut seinem 1777-1802 geführten „Catalog über verschückte Muscalien“, dedizierte er jeweils den Fürsten einige seiner Kompositionen. Am 26.1.1788 konzertiert er das erste von sieben Mal in Berlin vor dem cellospielenden König Friedrich Wilhelm II., dem er die „Cello-Sinfonie“ (oblig. Vc.) überreicht und später seine Konzertante Sinfonie (Fl., Va., Kb.conc. und Orchester), wofür er den Solo-Kb.-Part auf das Violoncello übertrug. Trotz außerordentlichen Eindrucks, den sein Spiel in Berlin gemacht hat, wie erhaltene Empfehlungsschreiben u.a. von J.F.Reichardt belegen, kommt es ebensowenig zu einer Anstellung wie am nächsten Reiseziel Ludwigslust/Schwerin.

Im Juni 1788 in Wien zurück, spielt er am 22.12.d.J. wieder ein eigenes Kontrabass-Konzert in einer Akademie der Tonkünstler-Societät. Im Frühjahr 1789 unternimmt er eine weitere Reise, die ihn midestens in Parma und Triest konzertierend sieht. Aus seinem „Catalog“ geht eindeutig hervor, daß in seinen Wiener Jahren ohne feste Orchester-Anstellung (1786-1789), diesen Jahren der Unruhe, zahlreiche Werke (u.a. nicht weniger als 13 Sinfonien und 3 Kb.-Konzerte) entstanden sind und diese an Persönlichkeiten des Hofes dediziert und verschickt wurden.

Im August 1789 endlich kann Sperger auf eine Zusage des Herzogs Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin den erhofften Dienst in dessen Hofkapelle in der residenz Ludwigslust antreten. Die Besoldungsurkunde mit der Bewilligung von 400 Rthl. (Reichstaler), freier Wohnung und Naturalien, wird am 17.9.1789 vom herzog unterschrieben.

Die „Renterey“ wird angewiesen rückwirkend ab Ostern 89 das Gehalt an Sperger zu zahlen.
Ab 1794 erhielt er 500 Rthl. Die bereits 1701 gegründete Hofkapelle, seit 1785 unter der Regentschaft des kunstsinnigen Herzogs Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin, genoß einen ausgezeichneten Ruf und stand nun (ebenfalls seit 1789) unter der musikalischen Leitung Franz Anton Rosetti’s (1750-1792). Dieses gutbesetzte Orchester mit zum Teil hervorragenden Musikern bietet Sperger hier eine künstlerische Heimstatt, die ihn ausfüllt. Allein in dem von Konzertmeister Massouneau ab 1803 geführten „Diarium“ erscheint Sperger siebenmal als Solist seiner Kb.-Konzerte; zahlreiche seiner Sinfonien und Kammermusiken werden aufgeführt. Als Persönlichkeit geachtet und menschlich geschätzt, erfährt er gerade vom Herzog Anerkennung , wie aus zahlreichen Dokumenten hervorgeht, „…da er einer Unserer besten Virtuosen ist.“ Sofort nach seiner Anstellung erhält Sperger die Bewilligung zur Anschaffung eines zum Solospiel geeigneten Kb. aus Wien. Aus Belegen geht die strikte Trennung zwischen Orchester- und Concert-Instrument hervor, wofür Sperger besonders „feine, kostbare Saiten“ benutzt. Neben seiner Ochester-, solistischen- und kompositorischen Tätigkeit am Ludwigsluster Hofe spielte Sperger zumindest ab 1802 in den evangelischen Gottesdiensten der Schloßkirche und ab 1809 in der katholischen Kirche die Orgel. Dafür komponierte er Präludien, Choräle, verschiedene Meßgesänge für Singstimme und Orgel, Chor und Orchester. Für das Stimmen des Klaviers erhält er jährlich 4 Louisdor vom Herzog. Sperger unternahm von Ludwigslust aus mehrere Konzertreisen, von denen drei nachweisbar sind (11.1.1792 Lübeck, Musik Akademie, ausschließlich mit eigenen Werken; Dez.1793 in Berlin; 26.11.1801 Aufführung von zwei seiner Kb.-Konzerte mit dem Gewandhausorchester in Leipzig).

Am 13.Mai 1812 verstarb Sperger am Nervenfieber. Die große Wertschätzung, die er als Instrumentalist und Komponist der Hofkapelle genoß, mag nichts deutlicher belegen, als die Aufführung des Mozart-Requiems anläßlich seines Todes.

Die Bedeutung Sperger’s liegt zweifelsohne in seiner Meisterschaft als Instrumentalist, als herausragender Kontrabass-Virtuose. Zeugnis legen davon seine ca. 40 Kompositionen für Solo-Kontrabass (18 Konzerte, Kammermusik) ab, die auch nach heutigen Maßstäben großes technisches Können voraussetzen. Sein Bemühen um klassische Formstrenge zeigt sich besonders in seiner Kammermusik. Unter seinen zahlreichen Kompositionen ist das Gegenstück zur Abschiedssinfonie von J.Haydn erwähnenswert, komponiert für den König von Preußen 1796, die Sinfonia F-Dur, beginnend mit zwei Violinen, allmählich die anderen Instrumente hinzutretend. Hier, wie in all seinen Kompositionen, die divertimentohaften Charakter aufweisen und ihn als erfindungsreichen Melodiker kennzeichnen, zeigt sich Sperger’s heiteres, offenes Naturell.

Spergers kompositorischer Nachlaß ist fast vollständig in der Landesbibliothek Schwerin erhalten geblieben. Abschriften davon finden sich an vielen Standorten (s. Adolf Meier, Thematisches Werkverzeichnis der Kompositionen von J.Sperger, Michaelstein/Blankenburg 1990). Die Orchesterbesetzungen seiner Sinfonien sind die typischen dieser Zeit; in seiner Kammermusik fällt die Reichhaltigkeit seiner Bläserbesetzungen auf; naheliegend ist die Besonderheit der häufigen Verwendung des solistisch-geführten Kontrabasses. Das damals mit Violone bezeichnete Instrument mit der sogenannten „Wiener Terz-Quart-Stimmung“ ,F-,A-D-Fis-A gab die günstige Voraussetzung für einen bis über die zweigetrichene Oktave hinaus solistisch geführten Kontrabass.

Veröffentlichungen zu seinen Lebzeiten sind nur spärlichst bekannt: Va.- und Vc.-Konzerte s.Traeg-Verzeichnis 1799; Trois quatours pour deux violons, taille et violoncelle, 1792 bei J.J.Hummel Berlin, No.698.

Mit der Wiederaufführung eines Kb.-Konzertes machte um 1940 Franz Ortner (München) auf Sperger’s Werk aufmerksam.

Ausgaben: Verschiedene Werke mit Solo-Kb. bei Doblinger/Wien tragen leider nicht immer der Entwicklung historischer Gegebenheiten Rechnung. Weitere Solo-Kb.-Werke bei Hofmeister/Leipzig (Vier Sonaten, Hrsg.: Klaus Trumpf; Kzte., Hrsg.: K.Trumpf, Miloslav Gajdos, Michinori Bunya; Ka.-Mus., Hrsg.: K.Trumpf; Arie, Hrsg.: Tobias Glöckler) und Pro Musica/Leipzig, Trumpf (nun: Gerig-Verlage, Bergisch-Gladbach); Deutscher Verlag für Musik/Leipzig, Trumpf; Trios f.Fl.(Ob.),Va, B. in „Alte Musik in der Slowakei“ Bd.5 u.6, Hrsg. Darina Múdra.

LITERATUR:
Adolf Meier: „Konzertante Musik für Kontrabass in der Wiener Klassik“, 1969, Schriften zur Musik, Musikverlag E.Katzbichler; derselbe: „Thematisches Werkverzeichnis der Kompositionen von J.Sperger“ in Dokum./Reprints Michaelstein/Blankenburg 1990; Alfred Planyavsky: „Geschichte des Kontrabasses“ von Hans Schneider, Tutzing 1970 und 1984.

Klaus Trumpf , 1994
in „Lexikon der Deutschen Musikkultur, Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien“ Hrsg.: Sudetendeutsches Musikinstitut, Verlag Langen Müller, 2001

 

Datum: Donnerstag, 25. Januar 2007 14:13
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3 Kommentare

  1. Harold Jacubowitz
    Montag, 5. März 2012 22:08
    1

    Dear sirs,

    I’m trying to find recordings of sperger’s doubla bass concertos, can you help ?
    Any format, LP or CD or DAT

    Best regards

    Harold Jacubowitz

  2. 2

    Dear Mr. Jacubowitz,

    There is a new CD: Edicson Ruiz playing double bass cioncerts of Sperger, Hoffmeister, Zimmermann, Dittersdorf.

    See his website: http://www.edicsonruiz.com

    Best wishes
    Helge Grünewald

  3. William Plascencia
    Samstag, 4. Oktober 2014 17:11
    3

    HI, i´m working on my master thesis. I´m looking for the manuscript of Sperger´s concert n 15. Where can i buy it? thanks.

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